Können Sie nicht ein bisschen schneller fahren?
Mittwoch, 23. April 2008 - Carsten BlechschmidtUm 4.15 Uhr klingelt der Wecker. Alles muss zügig gehen, denn um 5.08 Uhr fährt die Erfurter Bahn vom Hauptbahnhof in Mühlhausen nach Leinefelde ab. Ein 15-minütiger Fußweg schließt sich zum Betriebshof der EW Bus GmbH an, meinem Arbeitgeber. Ran an den Computer zur Dienstantrittsmeldung, den Bus vorbereiten Fahrscheindrucker vorbereiten, Tachoscheibe ausfüllen und einlegen, per Funk am Betriebsleitsystem anmelden und einen abschließenden Kontrollgang um das Fahrzeug machen. Und los geht es nach Hüpstedt. Die ersten Schüler am Schacht Felsenfest sind noch recht verschlafen, genauso wie die Kinder, die im Ort und in Beberstedt einsteigen und in das Dingelstädter Gymnasium fahren; es ist ja auch noch nicht mal 7 Uhr.
Schnell die Linieneinstellungen gewechselt und es folgen insgesamt sechs Abfahrten durch den Landkreis Eichsfeld über Leinefelde, Worbis sowie teilweise nach Duderstadt. Viel erlebe ich auf diesen Fahrten. Ob es die Lehrlinge in Arbeitskleidung sind, Grundschüler mit Schulranzen, Regelschüler und Gymnasiasten mit ihren Rucksäcken oder Taschen, Berufstätige im schicken Outfit oder alltäglichen Klamotten, Polizisten in Dienstuniform die Liste ließe sich noch unendlich fortsetzen. Hinzu kommt eine mal angenehme, mal annehmbare oder auch abstoßende Mischung aus Düften und Gerüchen, die mir von den einsteigenden Fahrgästen um die Nase weht. Das unangenehmste, was mir heute Morgen auffiel, sind die Zeitgenossen, die beim Einsteigen einen letzten tiefen Zug aus ihrer Zigarette inhalieren, die Kippe fallen lassen und dann ein freundliches Guten Morgen! hauchen. Haben die sich denn jemals vorgestellt, wie sich ein Nichtraucher in solcher Situation fühlt?, frage ich mich nicht nur einmal selbst.
Am Zentralen Omnibusbahnhof in Dingelstädt, Leinefelde, Worbis oder Duderstadt warte ich Anschlussbusse ab, viele Fahrgäste fragen nach Anschlussbussen oder in Leinefelde nach dem nächsten Zug nach Kassel. Eine Frau fragte mich schon beim Einsteigen in Dingelstädt, ob ich denn ein wenig schneller fahren könnte, da ihr Zug nach Nordhausen sonst nicht zu erreichen sei. Dann freue ich mich auch einmal, einem Fahrgast eine viel bequemere Lösung anzubieten, denn über den Fahrplan und die STVO hinweg schneller am Ziel zu sein, das geht nun leider nicht. Schnell habe ich der Frau erklärt, dass sie ihren Zug pünktlich erreicht, wenn sie mit dem Rufbus zum Haltepunkt Silberhausen und von dort mit der Erfurter Bahn nach Leinefelde fährt.
Manchmal helfen auch kleine Tipps weiter. Kraftfahrer, die sich die Vorfahrt erzwingen, den Bus am Abfahren von der Haltestelle zum Bremsen nötigen oder sich nicht an die Schrittgeschwindigkeit bei der Vorbeifahrt halten und fast Schulkinder gefährden, die die Strasse überqueren wollen; das erlebe ich täglich.
Jetzt, etwa 13 Stunden, 313 Kilometer, 110 Liter Diesel und 300 Fahrgäste später, steht der Bus wieder im Betriebshof und der Feierabend ist erreicht. Ich sitze wieder in einem Triebwagen der Erfurter Bahn und freue mich auf meine Familie in Mühlhausen. Lange dauert die bequeme Fahrt nicht und entspannter als im Pkw ist es allemal. Ob meine kleine Tochter noch wach ist? Wenn nicht, sehe ich sie genau wie die drei anderen erst am nächsten Morgen. Leider, aber auch das Wochenende ist ja nicht mehr weit und dann habe ich wieder Zeit für die Familie. Meine Frau sagt mir gerade, dass für Samstag und auch Sonntag etwas geplant ist. Ich freue mich schon darauf.
Tags: Bus, Kraftfahrer, Nahverkehr
