Schach zu Uhlepingsten
Dienstag, 02. Juni 2009 - Matthias Alban-GalliDie internationale Großmeisterin Elisabeth Pähtz schenkt uns zum Sonntag jeweils eine hochinteressante, spannende, mitunter unlösbar erscheinende Partie internationaler Schachgrößen. Nehmt die Hüte ab, Freunde des Schachdenksports. Selbstverständlich nur dann, so Ihr Hut zu tragen pflegt. Meinetwegen auch das Toupet, soweit ein solches Euer edles Haupt ziert. Auch eine kleine, angedeutete Verbeugung würde ihren Zweck erfüllen. Damen könnten einen süßen kleinen Hofknicks machen. Schach dem König. Schach der Königin? Nur ich, der mit Schach aber auch rein gar nichts am (nicht) zu ziehenden Hut hat, bestarre ein Schachbrett wie ein weiblicher Bernhardiner, der ergriffen einem Kastraten lauscht. Ich hege keine ausgesprochene Abneigung gegen das königliche Spiel, betrachte es jedoch aus kühlem Abstand. Und ich vermag sogar die Ursache (den Ursprung) für diese meine intellektuelle Unaufgeschlossenheit zu benennen. Im Jahre 1948 erschien im Paul-List-Verlag Leipzig-München der Buchtitel „Beweise das Gegentei“ von Hans Rothe. Ein meisterliches, hochinteressantes Werk um Spanien, Franco, Schachspiel und allgemeinemenschliche Befindlichkeiten, speziell die spanischer Frauen und Männer. Der mehr für Schachgegner denn für Schachfanatiker angelegte Duktus der intelligenten Publikation reizte mich schon seit der ersten Lektüre, es mit einem kleinen Exzerpt unter die Freunde und Feinde monarchischen Spiels zu bringen. Nun passt es durchaus gut zur Pähtzschen Partie zum Sonntag. Genug der Introduktion. Hier ist’s, das Original. Rothe wörtlich: „Da saßen sie nun, die internationalen Berühmtheiten, die das Denken zu einem Sport erhoben hatten, in einem Saal, der mit einer lautlosen Menge gefüllt war. In der Mitte thronte der russische Weltmeister, der selbst für dieses internationale Turnier zu international war, und spielte mit 36 Gegnern gleichzeitig. Seine Anhänger nickten jedesmal strahlend, nachdem er aus umwölkter Stirn die Entscheidung zu einem Zug gefasst hatte, und gaben durch heftiges Hin- und Herschwanken – als hätte ein Windstoß plötzlich Bäume ergriffen – zu verstehen, dass sie diesen und keinen anderen Zug von dem verehrten Meister erwartet hatten. – Abschnitt.
Es war wirklich ein seltsamer Anblick, diese vielen Männer zu sehen, die meisten rauchend auf das quadrierte Brett starrend, so dass man glaubte, das Knacken ihrer Stirn zu hören. Eigentlich sah keiner von ihnen dumm aus, aber jeder Einzelne glich einer Maske, die ein schlechter Bildhauer mit der Unterschrift „Symbol des Denkens“ ausstellt. Diese Gesichter waren steril. Sie symbolisierten jenes des Geistes entkleideten Denkens, das der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so sehr entsprach. Mit ungeheurem Aufwand an erfrorener Intelligenz erweckten sie den Anschein, als gäben sie einer Schöpfung Leben. Aber die Schöpfung wollte keine Form annehmen. Sie bestand höchstens darin, dass innerhalb einiger Stunden das quadrierte Brett langsam abgeräumt wurde. Man könnte kein starreres, kein wüsteres Beispiel für jenes Streben nach der bekannten Devise finden, die verlangte, man solle „eine Sache um ihrer selbst willen tun“. Da dachten sie und zerplatzten sich die Adern um des Denkens willen. Und wenn sie sich endlich mit müder Siegermiene oder mit den Schweißperlen des Besiegten erhoben, waren sie und die Welt dumm wie zuvor. Ende des Auszugs.
„Beweise das Gegenteil“ von Hans Rothe ist im Übrigen ein von großer Prägnanz und Sachkenntnis getragener und zu Papier gebrachter Zeitroman von dokumentarischem Gewicht. Sein schonungslos offener Angriff auf Vergangenheit und Gegenwart der 40er Jahre ist ungewöhnlich scharf und bitter ausgefallen; keinesfalls eine literarische Attitüde, sondern ge- und erwachsen aus genauester Erfahrung sowie unbeirrter und unbeirrbarer Aufmerksamkeit stammend. Und man mag einmal mehr beklagen, dass Bücher einer solchen Provenienz vergilbt, verschollen, vergessen und was auch immer sind und auch bleiben werden. Ich erspare mir den Hinweis auf tausende von Druckerzeugnissen, welche die deutschen Haushalte heutigentags überschwemmen, denen auch nicht ein Fünkchen literarischer Qualität innewohnt. Das soll allerdings nicht heißen, dass die Schwermut, welche mich mitunter heimsucht, allein auf die „Literatur“ unserer Tage zurückzuführen wäre.
Ein Schlusswort noch: Ein Freund des Spiels der Könige war Hans Rothe demnach nicht. Noch sympathischer wäre mir der Autor, wenn er zum Beispiel Billard gespielt hätte. Auch am grünen Tische ist Intelligenz gefragt. Ich bin weder für Sieger noch für Besiegte. Am liebsten sähe ich jeden Wettstreit in ein Remis münden.
Tags: Elisabeth Pähtz, Hans Rothe, Schach, Uhlepingsten

02. Juni 2009 um 22:02
vor 2 jahren war elisabeth pähtz in bad frankenhausen auf dem marktplatz und hat dort gegen alt und jung gespielt , gleichzeitig , um natürlich zu gewinnen …
jeden dienstag wird hier -> http://www.capablanca-sehen.de <- schach gespielt und die welt gerettet , versucht , ansatzweise …