Und dann kam „ER“, der City-Express London - Edinburgh, stromlinienförmig, Wagen an Wagen so miteinander verbunden, dass möglichst wenig Luftwirbelungen entstehen konnten. Der Zug „glitt“ in den Bahnhof, bremste und die Wagen standen auf den Punkt genau an den vorgegebenen Stellen. Am Geräusch war zu erkennen, dass es sich bei den „Zugköpfen“ um Maschinen mit Dieselantrieb handelte. Wir waren noch auf der Suche nach feien Sitzplätzen, natürlich in feinster Ausführung, wie bei uns nicht einmal die 1. Klasse war, da ging es schon schneller vorwärts, als wir es je bei uns erlebt hätten. Auch hier errechnete ich anhand der Strecke und der dafür benötigten Fahrzeit, dass man den auf den Hauptstrecken auf etwa 200 Km/h kam. Für die DDR unvorstellbar, auch nicht in 10 Jahren.
Von den durchfahrenen Städten ist mir noch Newcastle als Bild in Erinnerung. In Richtung Hafen und Nordsee wurden die getrennten Stadtteile, welche es wohl gab, durch einen Fluss mit unzähligen Brücken verbunden. Die nahe Nordsee konnte man erahnen. Nicht lange danach, der Zug fuhr oberhalb der Küstenlinie zur Nordsee, da wurde er immer langsamer, stoppte schließlich kurz, gab ein Signal ab und fuhr langsam weiter. Und da sahen wir eine riesige Schilderwand mit „Natur“ darauf und der Begrüßung „Welcome to Scottland“. Onkel Willy erzählt uns etwas später, dass dies eine Tradition der „stolzen Schotten“ sei. Wir hatten nämlich den Bahnhof der schottischen Hauptstadt etwa 30 Minuten später erreicht.
Auch hier gab es wieder etwas zu bestaunen, was wir noch nicht erlebt hatten. Bereits etliche Kilometer vor der Stadt verschwand unser Zug unter der Erde, bis dieser in einem weitläufigen unterirdischen Terrain zum Stehen kam.
Wir stiegen aus und schauten, aber kein Onkel Willy zu sehen. Da standen wir nun und wussten nicht, was wir machen sollten. So ein bisschen wurde uns bange, denn wie sollten wir Kontakt aufnehmen oder notfalls weiter nach Aberdeen gelangen. Das waren zwar nur wenige bange Minuten, aber sie erschienen uns doch wie eine Ewigkeit.
Da sahen wir unseren Willy kommen. Wir erfuhren, dass er keinen Platz für das Parken finden konnte und so wandte er sich an einen „Bobby“, erzählte diesem, dass seine „niece“ mit ihrem „husband“ aus der DDR angekommen sei und diese sicher schon mit Bange warten würden. Für den Polizisten schien es selbstverständlich zu sein, ihn auf der Parkfläche für die Taxis parken zu lassen und er achtete darauf, dass es kein Strafmandat geben würde.
Wir gingen zum parkenden Auto, die Sportausführung eines Nissans, und ab ging es durch Edinburg. Das war ein Gewimmel in der schottischen Metropole. Menschen und Fahrzeuge, aber alles funktionierte wie am Schnürchen. Als leidenschaftlicher Kraftfahrer hatte ich mich im Geiste sofort auf den Linksverkehr eingestellt und hoffte sofort inbrünstig, dass mich Willy irgendwann auch einmal die linke Seite ausprobieren ließe.
Der Onkel wollte nicht direkt nach Aberdeen, sondern Richtung Norden, damit wir die felsige Bergwelt Schottlands bestaunen könnten. Zuerst überquerten wir hinter der Großstadt die Bucht „Firth of Forth“ über eine lange Autobahnbrücke. Ein solch imposantes Bauwerk hatten wir noch nicht gesehen und bei diesem gleich eine Neuheit kennen gelernt: es musste Maut bezahlt werden. Beim Überqueren zeigte Williy nach Nordost auf eine ebenfalls lange Eisenbahn-Bogenbrücke und erklärte uns, dass diese 1911 bei der Überfahrt eines Personenzuges eingestürzt war und viele Menschen ums Leben gekommen wären. Und dann registrierte ich fast nebenbei etwas, was mich sofort an Niederorschel erinnerte. Bevor es in die Berge ging, bemerkte ich, dass unweit der Straße Rohre verlegt wurden und ich dachte: „Mal sehen, wie weit die bei uns sind, wenn wir wieder zu Hause sind.“ Die Bergwelt aus Stein war faszinierend und wir gelangten bei dieser Tour bis auf Höhe von 1 000 Metern, sahen aber kaum Sträucher, geschweige Bäume.